Terrorgruppe – Tiergarten (Review)

Die Berliner Aggropoppunker der Terrorgruppe haben meine Jugend mit so vielen Hits beglückt, wie wohl kaum eine andere Deutschpunkband. Mit Tiergarten melden sich die Jungs um MC Motherfucker und Johnny Bottrop nach längerer Pause, einer Warm-up EP und einigen Auftritten nun endgültig wieder zurück. Die Latte liegt für die Live-Rampensäue extrem hoch, hab ich mich doch wie ein kleines Kind gefreut, als ich von der Album- und Tourankündigung gehört hatte.

Der Vorfreude folgt Ernüchterung

Zuerst bin ich irritiert. Da ist gleich zu Beginn die Orgel, die nervig statt bereichernd ist. Da finden sich total misslungene Textstellen („Ich Gutmensch, du Schlechtmensch … ich bin zu gut für dich … du bist zu schlecht für mich … und dabei siehst du auch noch scheiße aus …“). Da wirken Songs ungewohnt angestrengt („Wie es der Staat mag“), uninspiriert („Blaupause einer Urlaubspostkarte“, „Immer besser“) oder ganz einfach lahm („Mitfahrzentrale ins Glück“). Insgesamt ist der Sound auf diesem Album zwar sehr abwechslungsreich, aber leider nicht so schnell, treibend und unbeschwert, wie das, was ich an den früheren Veröffentlichungen geliebt habe.

Es werde Licht

Dennoch macht das Album Spaß. Mit „Schmetterling“ (hier gabs Unterstützung von Tarek von K.I.Z.) ist ein grandioser Song mit herrlich unpassendem Refrain auf dem Album. Und wenn man sich am Rumgeorgel nicht stört, geht es mit „Blutbürger“ auch zum Einstieg richtig klassisch nach vorn. Die kleine sarkastische Säuferhymne „Tiergarten“ ist ebenfalls ein ganz feiner Song geworden. Eingängig, mit humorvollem Refrain und textlich absolut auf den Punkt („Du gehst Freitag nacht um halb vier, ich bleib bis Sonntag hier … Du pennst schon nach dem sechsten Bier, ich war schon drei Tage vor dir hier“). Textlich überzeugt die Terrorgruppe immer mal wieder, z.B. auch bei „Dauerabo“. Ein absoluter Volltreffer ist gar das Homophobie-Spektakel „Küsse töten“. Beim gelungenen „Winnetou“ wird der Finger in die Wunden und Absurditäten der Vereinigten Staaten gelegt.

Hier war mehr drin

„Schlechtmensch“ und „Der Maximilian“ stehen stellvertretend, für verpasste Chancen. Textlich hoch relevant, aber ersterer leider viel zu langsam und zu easylistening. Und die Kampfansage gegen die Gentrifizierung kommt auch ungewohnt zahnlos, geradezu langweilig und ist dazu noch unnötig in die Länge gezogen.

Alles in allem ist mit „Tiergarten“ zwar ein ganz nettes Album entstanden, aber der erhoffte Oberkracher ist es für mich leider nicht geworden.

Highlights:
Schmetterling
Küsse töten
Tiergarten

Lowlights:
Blaupause einer Urlaubspostkarte
Immer besser

Fazit: Abwechslungsreiches Comeback Album der Terrorgruppe. Mit hellem Licht und leider auch viel Schatten.

Christopher sagt:  6p (6 / 10 Punkte)

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Christopher

Christopher mag Punkrock. Der darf auch gerne irische Wurzeln oder Trompeten haben. Auch Reibeisenstimmen sind super. Hin und wieder gehen sogar Elektro- und Alternative-Spielereien. Hauptsache irgendwo versteckt sich noch eine Melodie und es wird nicht bloß rumgebrüllt.

1 Response

  1. 28. Juli 2016

    […] keine Zeit“ vertreiben. Der Song ist natürlich auf dem aktuellen Album Tiergarten zu finden, was ich zugegebenermaßen nicht ganz so geil fand. Live haben die Songs aber richtig gut funktioniert. Von daher also doch irgendwie […]

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