Review: Seeed – Seeed

Ich mag Seeed. Am meisten, wenn sie mit einer dicken Portion Dancehall Gas geben und richtig abgehen. Wenn sie ordentlich Druck machen und auf die Kacke hauen. Und wenn „Enuff“ alias „Peter Fox“ alias Pierre Baigorry mindestens eine Strophe in deutscher sprache rappt/singt. Dann sind sie stark. Das hat damals bei Dickes B angefangen, sich mit Dancehall Caballeros, Music Monks, Schwinger, Aufstehn, Ding oder auch Großhirn fortgesetzt. Die songs passten einfach. hatten ordentlich Dancehall-Krawumm drin oder waren zumindest mit extrem viel drive so chillig-easy runtergeboxt, dass ich einfach nicht anders konnte, als sie großartig zu finden. Auch, wenns mal etwas ruhiger zur Sache ging. Nach dem Erfolg des Peter Fox Soloprojekts mit vielen großartigen Songs, war ich noch gespannter auf den neuen Longplayer der Berliner Kombo.

Die Vorab-Singles Wonderful life und Molotov ließen mich dann aber bereits zwiespältig zurück. Wonderful life hatte zwar ein cooles Maskenvideo, war ansonsten aber nicht sonderlich inspirierend. Da hätte es doch sicher bessere Songs zum covern gegeben … Molotov ging da schon eher in die Richtung, mit der sie mich packen konnten. Knackiger Sound, Uptempo Beats, knarzig und dazu schmissige Lyrics. Also verbuchte ich den Coversong einfach mal als experimentellen Ausrutscher und freute mich aufs Album. Und freute mich aufs Album. Und freute mich aufs Album. Das hat von der Auskopplung der beiden Songs bis zum Albumrelease ja auch echt eine Ewigkeit gedauert. Und plötzlich wurde meine Vorfreude getrübt. Der Song Beautiful (zugegeben mit Bombast-Video) wurde im Vorlauf der Tagesschau vorgestellt. Und holla was war das für ein Song. Ein einziges lalalala-Schnulzengebimmsel mit Bigband-Zügen. Viel zu zahm, viel zu freundlich. Huch, was ist denn da bloß los? Nun ging meine Erwartungshaltung aber in den Keller. Junge, junge, das war schon irgendwie ein Schock.

Na gut. Jetzt ist das auch noch der Einstiegstrack ins Album geworden. Na herrlich, geht ja gut los für mich. Deine Zeit versöhnt mich nach dem Desaster zu Beginn schon fast wieder, aber die langgezogene Hookline ist dann doch eine harte Prüfung. Im mehrstimmig vorgetragenen Refrain kommt die Coolness aber durchaus wieder ganz gut zum Tragen. Auch durch durch die wundervolle instrumentalische Unterlegung der Lyrics weiß dieser Song am Ende der fast vier Minuten dann aber doch zu überzeugen.

Feel For You ist mir zu langsam. Zu ruhig. Fast schon zum Einschlafen sanft. Kein Überraschungsmoment. Nix. Nada. Also gleich weiter zum Song. Augenbling transportiert dann doch tatsächlich das von mir erwartete und erhoffte Songschema. Hier fühle ich mich an die eingangs erwähnten Stücke erinnert. Schneller, starker, aufweckender Song. Yeah, „beweg‘ deinen Arsch“ möchte ich da fast schon auf dem Weg zum Refrain schreien. Und dann bin ich doch wieder etwas irritiert, weil der Refrain ausschließlich aus  einer sich 8x (!) wiederholenden einzigen Textzeile besteht. Das ist zu wenig, Jungs!

You & I passt dann mit seiner Ruhe und Zurückhaltung wieder bestens auf dieses Album. Denke ich mir so im stillen Kämmerlein. Dummerweise passt das Album bisher nicht so recht zu mir. Und You & I würde ich glatt als unterdurchschnittlichen Song bezeichnen. Dass sie diese Art Songs können, durfte man ja auf den früheren Alben hören. Fünf Lieder rum und ich bin ein wenig baff. Hallo? Wo ist die Coolness hin? Hm. Aber man soll sich ja nicht zu früh ein Urteil bilden. Ein paar Lieder kommen ja noch.

Und dann, fast aus dem Nichts, tritt Besserung ein. Für mich scheint nämlich ganz offenbar eher die zweite Hälfte des Album gemacht worden zu sein. Als erstes Licht am Horizont erscheint Waste My Time. Auch hier ist es zwar der Refrain, der aus meiner Sicht etwas abfällt, aber immerhin geht er in die Beine und der Song macht insgesamt Spaß. Seeeds Haus (“ … Wir sind Seeed, da gibt es nichts zu googlen … „), Elephants (“ … The dogs are barking – and the elephants are marching … „) stellen für mich mit dem bereits bekannten Molotov die Highlights des Albums dar. Power, bekannte und bewährte Seeedsounds, tolle Texte und entweder in schönem Uptempo vorgetragen oder zumindest mit ordentlich Bassdruck. So soll es sein. Schöne Songs, die zwar keine echten Begeisterungsstürme bei mir auslösen, wie es frühere Songs regelmäßig schafften, aber immerhin überdurchschnittlicher Output. Es geht doch.

Mit Lovelee leiten wir die Schlussminuten ein. Der Song kommt wieder ziemlich gediegen um die Ecke und hätte wohl besser in die erste Hälfte des Albums gepasst. Oder auf eine B-Seite. Wonderful life hat mich ja bereits vor Monaten irritiert und Beautiful (Reprise) reißt dann abschließend auch nix mehr raus (wen wundert’s) und alles in allem bleibe ich doch arg enttäuscht vor meinen Boxen zurück.

Highlights:
– Molotov
– Elephants

Lowlights:
– Die Highlights sind leider keine wirklichen Highlights
– Zu viele durchschnittliche Songs
– Zu wenig Dancehall, zu wenig Druck, zu wenig Verrücktheit

Fazit:
Ich hoffe ja noch, dass das hier ein Marathon-Album ist und sich der eine oder andere Song noch als Knüller entpuppt. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Christopher sagt:
(5 von 10 Punkten)
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Christopher

Christopher mag Punkrock. Der darf auch gerne irische Wurzeln oder Trompeten haben. Auch Reibeisenstimmen sind super. Hin und wieder gehen sogar Elektro- und Alternative-Spielereien. Hauptsache irgendwo versteckt sich noch eine Melodie und es wird nicht bloß rumgebrüllt.

3 Responses

  1. Tubsi06 sagt:

    Sehe ich genauso, mir ist viel zu wenig Reggae mit bei! Obwohl Seeed es fast noch mit am besten beherschen, Reggea mit Dancehall zu vermischen! Haben sie es diesmal nicht geschafft, mich mit dem Album zu überzeugen! Schade, wirklich schade! Sie können es besser!

  2. X vom Hinterhof sagt:

    Ich habe bisher nur ein Lied des neuen Albums gehört. Das war so schlecht, dass ich keine Lust mehr hatte, den Rest anzuhören. Vielleicht versuch ich es nach dieser Rezension doch mal mit der zweiten Hälfte des Albums. Ansonsten überleg ich meine frühzeitig gesicherten Konzertkarten (Open Air in der wunderschönen Berliner Wuhlheide) wieder loszuwerden. Denn: Der Boden muss Beben sonst sind es nicht Seeed.

  3. Tina sagt:

    Super interessanter und gut geschriebener Artikel!
    toller blog

    Lg

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