Review: Neonschwarz – Fliegende Fische

neonschwarz

Es ist schon lange her, dass ich mich für Hip Hop richtig begeistern konnte. Vor allem für deutschen Hip Hop! Puh, das muss damals wohl noch vor der Jahrtausendwende gewesen sein. Ferris MC, Absolute Beginner, Fünf Sterne Deluxe, Die Firma, Massive Töne und ein paar andere hatten Heldenstatus. Seit damals gab’s zwar immer mal wieder einen Song aus Übersee, der zu gefallen wusste, aber das war’s dann auch schon mit Rap und Hip Hop. Die ganzen obercoolen Proleten mit ihren dumpfen, nationalen, frauenfeindlichen und gewaltverherrlichenden Stumpfsinn-Texten haben mich nie interessiert. Hip Hop war für mich mehr oder weniger gestorben. Und dann kamen Neonschwarz um die Ecke…

Der erste Track „Legen ab“ kommt noch etwas träge in Wallung. Zwar ist er inhaltlich gelungen, mit der Aufforderung, einfach mal loszulassen und sich selbst was zuzutrauen. Aber, ganz ehrlich: Ich bin verdammt sicher, dass ich der Band wohl kaum weitere Chancen gegeben hätte, wenn ich nicht zuvor über den unglaublichen Ohrwurm „Hinter Palmen“ gestolpert wäre. Der Track ist nämlich einfach geil. Beat toll, Melodie toll, Raps und Stimmen cool, Inhalt cool und ein schicker Refrain. Musikliebhaber-Herz was willst du mehr?! Damit hatten sie mich also schon, bevor ich das Album gehört habe.

Die von den „Schwizzys“ selbst als Zeckenrap titulierte Stilart funktioniert wunderbar. Einerseits werden in „Unser Haus“, „Neonschwarzer Block“ oder „Verwandelt“, wie erwartet, hochexplosive und typisch linkspolitische Themen abgearbeitet. Doch auch zuversichtliche und hoffnungsvolle Tunes sind auf der Platte („Hinter Palmen“). Und Partykracher dürfen natürlich auch nicht fehlen: Wenn das Quartett zum wummernden „Outta Control“ voll Stoff gibt, dürfte vor der Bühne ausschließlich Eskalation herrschen. Der Song geht richtig ab und hat dazu auch mit die besten Lines zu bieten (Marie Curry … ab 1:58 Min … großartig 😀 ).

Ebenfalls sehr gelungen und auch heute leider immer noch aktueller denn je: Der verdammte Fremdenhass. Zu bedrohlichen Beats entlarven Neonschwarz im Song „2014“ Nazi-Gedankengut und engstirnige, national geprägte Ängste als haltlose Horrorszenarien. Bei der Quasi-Autobiografie „Die Schwizzys“ lernt man Audioliths Lambadagroup dann besser kennen. Das heimlich Motto des Songs gibt die Richtung der Band vor: „Das Herz schlägt links, und meine Seele liegt zentral“. Ultracooler Song. Hängemattenlifestyle ein Leben lang 😉

In einer ähnlichen Liga wie die Vorabsingle „Hinter Palmen“ spielt der Titeltrack „Fliegende Fische“. Imposanter Song, bei dem mich zwar erst der englisch gesungene Refrain ein bißchen irritierte, aber genau der bringt letztlich die passende Leichtigkeit mit. Die Hymne an den DJ, „Ypsilon“, schaltet dann in der Geschwindigkeit einen Gang runter, dafür wird die Coolness ordentlich hochgeschraubt. Passt. Auf der Zielgeraden geht dem Album ein kleines bißchen der Sprit aus. „Scheinriese“ nervt mit seinen „ähähähä“-Wiederholungen und „Seid ihr noch wach“ fühlt sich so richtig wie ein trauriges Abschiedslied an. Gut, dass vorher mit „Neonschwarzer Block“ noch mal die Keule rausgeholt wurde. Intelligente (links-)politische Texte gepaart mit der nötigen, wohldosierten Portion „Aufrütteln“ und „Abschütteln“. Läuft!

Highlights:
Outta Control
Fliegende Fische
Hinter Palmen
Die Schwizzys
2014

Lowlights:
Legen Ab
Seid ihr noch wach

Fazit:
Holy Shit. Nicht nur für Riotgirls, Riotboys und Antifa-Kiddies: Mit „Fliegende Fische“ werden Neonschwarz einen Haufen Leute zum neuen Hamburger Hip Hop bringen. Mich haben sie gekriegt.

Christopher sagt: 8p  (8 / 10 Punkte)

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Christopher

Christopher mag Punkrock. Der darf auch gerne irische Wurzeln oder Trompeten haben. Auch Reibeisenstimmen sind super. Hin und wieder gehen sogar Elektro- und Alternative-Spielereien. Hauptsache irgendwo versteckt sich noch eine Melodie und es wird nicht bloß rumgebrüllt.

1 Response

  1. 6. März 2015

    […] gaben sich im Tower in Bremen die Ehre. Und das wollte ich nach dem erstaunlich guten Album Fliegende Fische auf keinen Fall verpassen. Um 21 Uhr trat enterte zunächst Jennifer Gegenläufer als Support die […]

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