Review: Jennifer Rostock – Mit Haut und Haar

Jennifer Rostock ist mit Ausnahme des 2008er Songs Kopf oder Zahl bisher vollkommen an mir vorbei gegangen. Hin und wieder fragte ich mich zwar, was der eine oder die andere an dieser Band wohl finden mochte (ich erklärte mir das selbst mit der Anziehungskraft einer gepiercten und tätowierten Sängerin) und manches Mal überlegte ich, wie die Band wohl auf diesen dämlichen Namen gekommen sein mochte. Letzteres habe ich im Zuge dieser Review-Recherche rausfinden können: Mal wird eine Geschichte von einer missverständlichen Tonstudiokommunikation erzählt, ein anderes Mal war es einfach ein Handy Eintrag. Wie auch immer. Was an dieser Band so toll sein soll, bleibt mir auch nach exzessiven Hören dieses Albums ein Rätsel.

„Es war nicht alles schlecht“ singt die gute Jennifer ja bereits im zweiten (gleichnamigen) Track des Albums. Und das kann man eigentlich auch so stehen lassen. So richtig schlecht ist es nicht. Kraftvolle Songs wie der eben erwähnte sind auch eigentlich ganz vielversprechend, gehen dann aber leider irgendwann komplett den Bach runter.
Der Opener weiß sogleich zu gefallen, wäre da nicht dieses unsägliche „Eckstein, Eckstein…“, was seit Oomph-Zeiten aber mal so wirklich gar nicht mehr geht.
Im zweiten Song Es war nicht alles schlecht fängt nach 150 Sekunden noch einer dermaßen stark an zu brüllen, dass manche Metalband vor Neid erblassen müsste und ich auf der Autobahn vor Schreck fast das Lenkrad verrissen habe. Man hätte ja auch das Lied einfach in gewohnter Manier enden lassen können. Wäre in Ordnung gewesen.
Bei Mach dich aus dem Staub kommt bereits in den ersten Sekunden eine Technobassdrum zum Einsatz, die an grenzdebile 1990er Eurodance Songs erinnert. Muss nicht sein und ist im Grunde einfach nur gruselig. Dazu kommt dann noch Fuchsteufelswild, die gute Jennifer schreit hier so übertrieben ekstatisch und wild im Refrain rum, dass man sich an ganz schlimme Musicalaufführungen erinnert fühlt. Da wurden beispielhaft vier eigentlich gute und ansprechende Songs mit solchen Makeln versehen, dass man nicht weiß, ob man sich drüber lustig machen, einfach nur den Kopf schütteln oder doch lieber gleich Tränen vergießen soll. Besser gemacht hat man es da noch bei Meine bessere Hälfte – guter Song, der diesen absoluten Nervpart erst ganz am Ende hat. Kann man dann ja zumindest selber vorher noch ausfaden lassen.

Da also die eigentlich besten Songs des Albums allesamt eine (kleine) Macke haben, muss man sich also mal etwas genauer mit den etwas ruhigeren Songs beschäftigen. Und das lohnt sich: Lügen haben schöne Beine, Insekten im Eis, Wasser bis zum Hals und Horizont haben zwar nicht wirklich was mit „meiner“ Vorstellung eines typischen Jennifer Rostock-Songs zu tun, wissen aber auf Dauer tatsächlich zu gefallen und es würde mich wundern, wenn nicht zumindest einer davon demnächst mal aus dem Radio tönen würde. So wirklich weit weg von Wir sind Helden, Juli, Frida Gold oder Silbermond ist das ganze zum Teil nämlich nicht und ich war doch ziemlich überrascht ob dieser Assoziationen, die ich durchaus mehrmals im Verlauf des Albums hatte. Denn bisher war ich davon ausgegangen, dass mich bei Jennifer Rostock eher die wilde, rotzige böse Schwester der genannten Frauenstimmenbands erwartet. Ist aber nicht (mehr?) so. Mit Zwischen Laken und Lügen wird dann gegen Ende noch einmal eine ganz nette und gefühlsstarke Ballade rausgezaubert, bevor der letzte Song des Albums Hier werd ich nicht alt als gelungener Uptempokracher den Schlusspunkt setzt. So wäre es zumindest normalerweise. Aber nicht hier. Hier holt man zum Ende des Songs noch bedeutungsschwangere sphärische Klänge raus, die auch diesen Song noch umkrempeln. Und wieder weiß ich nicht, ob ich den Kopf schütteln oder einfach nur lachen soll. In diesem Sinne, „ich pfeif mir lieber noch ’nen Sekt rein“!
Ach, eins noch: Elektronische Elemente sind hier zu hauf vorhanden. Das scheint aber in diesen Zeiten sowieso der große Hit zu sein, hat doch fast jede Band, die was auf sich hält, zur Zeit irgendein Elektrogefrickel mit in den Songs. Noch finde ich das ja ganz gut, aber es wird der Zeitpunkt kommen, wo mir das aufn Sack gehen wird…

Highlights:
– Insekten im Eis
– Wasser bis zum Hals

Lowlights:
–  Öfter mal nervig bis lächerlich

Service (Youtube Videos):
Es war nicht alles schlecht, Der Kapitän, Mein Mikrofon

Fazit:
Ich habe ewig gebraucht, um mich in dieses Album reinzuhören. Könnte an einer völlig falschen Erwartungshaltung gelegen haben. Und eins hat sich mal wieder bewahrheitet: dasmusslauter, sonst kickt das überhaupt nicht. Wenn man sich erst mal drauf einlässt, findet man (überraschenderweise) aber doch die eine oder andere Perle. Durchaus ein Achtungserfolg.

Christopher sagt:
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Christopher

Christopher mag Punkrock. Der darf auch gerne irische Wurzeln oder Trompeten haben. Auch Reibeisenstimmen sind super. Hin und wieder gehen sogar Elektro- und Alternative-Spielereien. Hauptsache irgendwo versteckt sich noch eine Melodie und es wird nicht bloß rumgebrüllt.

1 Response

  1. 9. September 2011

    […] die Knalleralben von Royal Republic und Red City Radio sowie die aktuellen Scheiben Broilers, Jennifer Rostock, Flogging Molly, Dropkick Murphys, Skindred, Zebrahead, Itchy Poopzkid und The Vaccines – wer […]

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