Review: In Extremo – Sterneneisen

Bizarre Festival. Weeze. August 2000. Campingplatz.
Er: „Ey, lass mal zur Bühne.“ Ich: „Häh? Es ist mittags …“ Er: „Da spielen In Extremo. Die machen Mittelalter-Rock!“ Ich (noch mal): „Häh? Es ist mittags, man?!“ Er: „Egal, die sind gut. Glaub’s mir.“ So oder zumindest so ähnlich kam ich erstmals mit dieser Band in Kontakt. Seitdem haben uns die Glorreichen Sieben viele tolle, teils großartige Lieder mit mittelalterlichem Touch geschenkt und sind daher nun schon seit mehr als zehn Jahren durchaus auch von uns verehrt und angespien. Mit ihrem neuesten Album Sterneneisen entfernen sie sich allerdings noch mal ein gutes Stück von der Band, die direkt aus dem Mittelalter zu uns kam.

Immerhin geht es vielversprechend los. Zigeunerskat und Gold haben alles, was ein guter In Extremo Song braucht. Sie nehmen einen sofort wieder mit ihrem typischen Sound gefangen. So wie es sich für einen guten Ratenfänger gehört. Aber wartet mal, da stimmt doch was nicht. Genau, der Gesang. Irgendwas haben Sie mit dem Gesang des letzten Einhorns gemacht. Der gute krächzt irgendwie mehr als sonst. Oder was auch immer. Es hört sich komisch an. Keine Ahnung, was da genau passiert, auf jeden Fall ist es mistig. Schade. Man kann sich dran gewöhnen und die beiden Songs sind trotzdem klasse, aber so einen kleinen Makel haben sie dadurch. Bei Viva La Vida setzt sich das ganze im Intro dann noch etwas krasser fort. Naja, wer’s mag. Vielleicht klingt das ja besser, wenn man das Lied mal wie beschrieben beim Aufgang des Säufermonds hört. Einen Versuch wäre es vielleicht wert.
Das folgende Siehst du das Licht ist zwar nicht richtig schlecht, aber auch nichts Besonderes. Umso mehr freue ich mich über den fünften Song, denn der ist richtig stark: Stalker – ein großartiges Lied und für mich auch gleichzeitig das beste Stück des ganzen Albums. Druckvoll, schnell, guter Text. Was will man mehr.
Direkt danach folgt allerdings auch der schlechteste Song des Albums: Hol die Sterne, hört sich für mich an wie ein astreiner Schunkelschlager und geht daher einfach mal gar nicht. 2010 wurde die Band übrigens wegen künstlerischer Differenzen von ihrem Schlagzeuger „Der Morgenstern“ verlassen. Wenn ein Song der Grund sein könnte, dann dieser. Meine Fresse, ist das schlecht. Kaum zu glauben, dass eine Band, die Herr Mannelig oder Spielmannsfluch auf die Welt losgelassen hat, solch einen Song aufnimmt. Nach dieser Katastrophe kommt das Album dann auch leider nicht mehr so richtig in Fahrt.
Mit dem Titeltrack Sterneneisen kommt dann zwar noch einmal ein durchaus beachtenswerter Song, aber nach dem gerade erwähnten Desaster würde so ziemlich jeder Track gut aussehen und man ist mehr als dankbar, dass es auch wieder anders geht.  Auge um Auge kann man sich in der Folge zwar ebenfalls anhören, allerdings mutet es schon ein wenig komisch an, wie der Song plötzlich nach drei Minuten noch an Fahrt aufnimmt. Sowohl musikalisch als auch gesanglich (Geschrei as Geschrei can). Schau zum Mond und Unsichtbar können zum Abschluss ebenfalls keine besondere Aufmerksamkeit mehr erregen und somit endet das Album doch ziemlich unspektakulär, nachdem es einen durchaus gelungenen Start hingelegt hat.
„Ich fühle noch, wie es einmal war“ singen die Sieben dann zum Abschluss in der tieftraurigen Ballade Ich vermisse dich und genau das fühlt man auch, wenn das Album endet. Es wird noch in typischer Art und Weise gefidelt und gedudelt, aber längst nicht mehr so viel wie früher. Man hört sie noch, die Band, die man so verehrt, doch leider hört sich das hier alles ein bißchen uninspiriert an und die typischen Instrumente sind höchstens noch Beiwerk, aber nicht mehr die treibende Kraft in den Songs. Eine Entwicklung, die schon auf dem letzen Album zu hören war. So beraubt man sich selbst seines großartigen Alleinstellungsmerkmals.
Ob man sich einen Gefallen damit tut, den Schwerpunkt in Richtung der vielen härteren Rockbands zu legen, bleibt abzuwarten. Dieses Mal hat es teilweise noch recht gut geklappt, aber hin und wieder ging’s auch schon grandios in die Binsen. Vielleicht doch zu oft angespien worden?

Highlights:
– Stalker
– Zigeunerskat
– Gold

Lowlights:
– Hol die Sterne
– Ich vermisse dich

Fazit:
Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Auf dem Weg raus aus dem Mittelalter kommen In Extremo an manchen Stellen arg ins Straucheln. Mit etwas Wohlwollen und in Erinnerung an die gute alte Zeit, kommt dann doch noch eine Bewertung überm Durchschnitt raus. Aber knapp war’s.

Christopher sagt:
(6 von 10 Punkten)
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Christopher

Christopher mag Punkrock. Der darf auch gerne irische Wurzeln oder Trompeten haben. Auch Reibeisenstimmen sind super. Hin und wieder gehen sogar Elektro- und Alternative-Spielereien. Hauptsache irgendwo versteckt sich noch eine Melodie und es wird nicht bloß rumgebrüllt.

1 Response

  1. 28. Oktober 2013

    […] lange drumherum zu reden: Das aktuelle Album von In Extremo ist um einiges besser als das letzte. Die Songs gehen besser ins Ohr, stecken voller Emotionen (Gaukler, Doof), sind ordentlich […]

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