Review: In Extremo – Kunstraub

Ohne lange drumherum zu reden: Das aktuelle Album von In Extremo ist um einiges besser als das letzte. Die Songs gehen besser ins Ohr, stecken voller Emotionen (Gaukler, Doof), sind ordentlich druckvoll und auch das Mittelalterrockvolk wird wieder bedient. Man fühlt sich also sofort heimisch, auch wenn der Fokus eher auf Metal/Rock statt auf Mittelalter liegt. Schadet dem Album insgesamt aber überhaupt nicht.

Absolutes Highlight ist der Song Gaukler. Gänsehaut pur. Hoffentlich machen sie davon ein Video, der Song hätte es echt verdient. Gefühlvolle, schwere Lyrics („Es tut so weh, wenn ich die Gaukler weinen seh“). Einer der langsamsesten und gefühlvollsten Songs ist also mein Hit. Kommt auch eher selten vor. Doch dieses Album hat natürlich noch mehr zu bieten. Schon der Einstieg ist nämlich wirklich gelungen. Der die Sonne schlafen schickt nimmt den Hörer mit seinem Drive direkt gefangen. Guter Song. Wege ohne Namen kommt erst mit dem grandiosen Refrain richtig in Fahrt. Ich gestehe: Gerade noch rechtzeitig, bevor ich den Song skippen wollte. Für mich eine Gratwanderung und insgesamt ein bißchen zu bemüht und zu durchkonstruiert. Aber der Refrain rockt immerhin.

Und dann kommt er, mein Hass-Liebe-Song: Lebemann. Eigentlich grandios. Aber dieser Einstieg mit dem langgezogenen „Jaaaaaaaaa, jaaaaaaa, jaaaaaaaaaa“, uargh, gruselig. Aber der Song geht dermaßen gut nach vorne, dass man das schnell wieder vergessen kann. Und dann? Dann machen Sie es glatt noch mal. Im Refrain. „Jaaaaaaaaa, jaaaaaaa, jaaaaaaaaaa“ … und ich schüttele nur ungläubig mit dem Kopf. Einer der besten Songs des Albums hat eine der mit Abstand nervigsten Momente des Albums in sich. Mist, mist, mist. Aber der Song macht so viel Spaß, dass ich da drüber hinwegsehen muss. Mal gucken, wie die Reaktionen auf der nächsten Party sind …

Himmel und Hölle, Die Beute und Kunstraub sind recht solide Songs, durchaus abwechslungsreich, augenzwinkernd und mit dem nötigen Druck und Tempo. Vor allem Kunstraub lässt ein richtiges Trommelfeuer los. Aber so richtig gepackt haben mich alle drei nicht.

Alles schon gesehen stellt für mich den Tiefpunkt dar. Man kann förmlich sehen, wie die Langweiler die Feuerzeuge in die Luft halten, sich in die Arme nehmen und schwofen. Irgendwie ja ganz nett, aber halt auch viel zu kitschig. Gott sei Dank wird mit Belladonna dann ein richtig cooler Song auf uns losgelassen. Bei den Lyrics darf man auch ruhig ein bißchen schmunzeln. In ungewohnt hohem Tempo fegt die Hexe hier über uns hinweg, Schweißperlen und blaue Flecken beim Konzert sind garantiert.

Mit Du und ich, Feuertaufe und Doof hat man noch drei ordentliche Hammer im Programm, die allesamt überdurchschnittlich sind und typisches In Extremo-Feeling aufkommen lassen. Doof sticht durch seine Härte und Agressivität deutlich heraus. Da nimmt das Einhorn kein Blatt vor den Mund („Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Dümmste im ganzen Land? Im Reich der Blinden bist du der König, doch die Zwerge stört das wenig“). Großartig! Insgesamt also viel Licht und nur ein wenig Schatten auf Kunstraub.

Highlights:
Gaukler
Du und ich
Lebemann
Doof
Belladonna

Lowlights:
Alles schon gesehen
Das Intro zu Lebemann. Jaaaaaaa, das geht mal gar nicht…

Fazit:
Die Spielmänner haben Laune! Auf In Extremo ist auch nach all den Jahren, trotz zurückgefahrenem Mittelalteranteil, immer noch Verlass.

Christopher sagt:
8p (8 von 10 Punkte)
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Christopher

Christopher mag Punkrock. Der darf auch gerne irische Wurzeln oder Trompeten haben. Auch Reibeisenstimmen sind super. Hin und wieder gehen sogar Elektro- und Alternative-Spielereien. Hauptsache irgendwo versteckt sich noch eine Melodie und es wird nicht bloß rumgebrüllt.

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