Review: Broilers – Noir

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Mit Alben von Lieblingsbands ist das ja immer so eine Sache. Sind die Songs gut, freut man sich den Arsch ab und lobt alles über den grünen Klee. Aber wehe, das überzeugt alles nicht so richtig. Dann ist man auch schon mal schnell direkt angepisst. Und Broilers ist ’ne Lieblingsband. Fast schon DIE Lieblingsband. Mit einer unerhört großen Menge grandioser Songs. Von Fackeln im Sturm bis zu Santa Muerte. Jetzt also das sechste Studioalbum: Noir.

Nach den ersten 52 Minuten, dem ersten Anhören der 16 Songs ist mir fast alles aus dem Gesicht gefallen. Einer der ersten Gedanken: „Tausch die Stimme aus und du könntest es nicht von Revolverheld oder noch schlimmerem unterscheiden“. Dachte ich beim Release der Vorabsingle noch: „Hoffentlich gibt „Ist Da Jemand?“ nicht den Ton für das Album vor“. Muss ich jetzt sagen: Viele Songs haben sogar noch weniger mit den Broilers zu tun, die ich so ins Herz geschlossen habe

Aber gut. Sie sind älter geworden, ich bin älter geworden, wir alle sind älter geworden. Und ruhiger. Nachdenklicher. Wir müssen nicht mehr an jeder Ecke „Meine Sache, Mein Problem“ rufen, nicht mehr im Chor den Helden der dritten Halbzeit preisen. Schließlich liebten wir ja auch  die „verdammte Stille“, haben darüber philosphiert, „wie weit wir heute gehen“ und zum Schluss lagen wir uns alle beim „singen, seufzen und saufen“ in den Armen. Es ist also echt nicht so, dass es von den Broilers einfach immer auf die Fresse geben muss und ich was gegen die Weiterentwicklung meiner Lieblingsband habe. Aber das hier?!

Der Start in Noir ist, nachdem der erste Schock verflogen ist, eigentlich doch ganz gelungen. Mit „Ist Da Jemand?“ kann ich mich ganz plötzlich viel besser anfreunden und „Zurück In Schwarz“ hätte auch den Vorgängern gut zu Gesicht gestanden. Cooler Text und cooler Sound, so soll es sein. „Wo es hingeht“ hat mich zuerst völlig irritiert. Melodie und Sound sind total soft. Immerhin sind Bläser dabei und der Song hat Dynamik. Aber keinen Druck. Trotzdem gefällt mir dieser Song inzwischen ziemlich gut. Passend zum (tollen) Text weiß ich an dieser Stelle aber trotzdem nicht so recht, wo es hingeht, aber die Hauptsache ist ja schließlich, dass es weitergeht.

Allerdings: Ganz so einfach ist das nicht. Mit „Nur Nach Vorne Gehen“ machen sich erst mal fünf Minuten lang Fassungslosigkeit breit. Was hätte man aus diesem Song für ein Brett machen können, wenn er nicht so reduziert und minimalistisch daher kommen würde. Trostlos irgendwie. Da hilft auch kein sich aufbauender Spannungsbogen. Hier muss man als Fan stark sein und durchhalten. Wie leider mehrmals auf diesem Album: „Ich Brenn'“, „Ich Hol Dich Da Raus“, „Gutes Leben“, „Ich Will Hier Nicht Sein“ oder „Irgendwo Dazwischen“ (Hallo liebe Bläser, freut mich sehr euch zu hören!) sprechen eine ganz deutliche Sprache: Willkommen im Land der Balladen, der (Indie-)Popsongs ohne wirkliche Ecken und Kanten. Sieht man es positiv, lassen sich auf diesem Album Parallelen zu Kettcar, vielleicht an mancher Stelle sogar zu U2 oder meinetwegen auch zu Die Toten Hosen ziehen. Deren Produzent Vincent Sorg hat das Album ja immerhin auch mit der Band beackert. Will man es aber etwas gehässiger angehen, ist man wirklich kaum noch von Revolverheld entfernt. An anderer Stelle las ich von Jupiter Jones (kann ich unterstreichen) oder sogar von „Ich+Ich ohne Frauenstimme“.

Naja, man muss die Kirche dann aber auch mal im Dorf lassen: Zum Heulen ist das Album nicht. Ein Totalausfall ist es auch ganz sicher nicht. Es braucht seine Zeit. So wie Sammy es in einem der letzten Interviews kurz vorm Release bereits ankündigte. Bei Balladen wie „Wo Bist Du (Du Fehlst)?“ ist jetzt schon klar, dass er ein ganz intimer Moment auf den Konzerten werden wird. Mit Tränen und Feuerzeugen und so. „Das Da Oben“, und „Die Letzten (An Der Bar)“ hätten ebenfalls Potential in intimen, emotionalen Momenten ein fester Begleiter zu werden. Aber die zünden leider nicht richtig. Mit „Nanana (Ich Krieg‘ Das Hin)“ ist im späteren Verlauf des Albums zumindest noch ein richtig fetziger Song auf dem Album. Und auch „Grau Grau Grau“ fehlen wohl auch nur noch ganz wenige Hördurchgänge bis er es sich im Gehörgang gemütlich macht.

Für ein Album der Broilers ist das aber einfach viel zu wenig. Lediglich zwei, drei richtig gute Songs sind auf dem Album. Dann noch zwei, drei oder vielleicht vier Songs, hintendran, die sich (hoffentlich!) noch entwickeln werden. Vielleicht auch noch die zwei Songs, die man gerade mal wieder völlig falsch einschätzt oder schlicht überhört hat. Aber: Man, es sind die Broilers und nicht irgendeine Wald-und-Wiesen-Radio-Band. Da erwarte ich einfach ein Feuerwerk an guten Songs!

In vielen Songs (einmal sogar im Titel) geht es um’s Brennen. Um Leidenschaft und Passion. Ich brenne, du brennst, wir brennen, er sie es brennt. Emotionen sind genug auf dem Album. Sammy hat wirklich viel zu sagen. Vielleicht sind es sogar mit die besten Texte, die er je zum Besten gegeben hat. Aber der Sound! Man! Das musikalische Korsett, in das sich die Band jetzt presst, gefällt mir leider einfach zu oft nicht. Ob das für die Zukunft dann „noch nicht“ oder „nicht mehr“ heißen muss, werden wir sehen. Noch überwiegt ein Gefühl der Enttäuschung. Was da brennt, ist tatsächlich keine Fackel mehr, sondern allenfalls noch eine Kerze.

Auf dem letzten Album habe ich mich übrigens darüber geärgert, dass Sammys Stimme so poliert worden ist. Dieses Mal hört er sich wieder mehr nach dem echten Sammy an. Dafür haben sie jetzt die Musik und Melodien kaputt experimentiert. Das ist für mich keine Weiterentwicklung, sondern eine Veränderung hin zum Schlechten. Und doch bin ich hin- und hergerissen. ICH WILL DAS DING EINFACH GUT FINDEN. Ich werde es hören bis zum abkotzen. Immer wieder. Was mir dabei Hoffnung macht, sind die Texte. Und: Nach der ersten Ernüchterung bei der Santa Muerte habe ich kein Album öfter gehört als … Santa Muerte.

Highlights:
Zurück In Schwarz
Nanana (Ich Krieg‘ Das Hin)

Lowlights:
Nur Nach Vorne Gehen

Fazit:
Die Broilers sind zurück in Schwarz. Für mich ist das alles aber eher grau.

Christopher sagt:  (5 / 10 Punkte)

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Christopher

Christopher mag Punkrock. Der darf auch gerne irische Wurzeln oder Trompeten haben. Auch Reibeisenstimmen sind super. Hin und wieder gehen sogar Elektro- und Alternative-Spielereien. Hauptsache irgendwo versteckt sich noch eine Melodie und es wird nicht bloß rumgebrüllt.

2 Responses

  1. Mario sagt:

    ich finde es wirklich toll, dass sich alle fans soooooooooo viel mühe geben, dass neue Album cool zu finden, aber ganz ehrlich: was Pop ist , ist Pop – und Pop wollte ein Broilers-fan nie hören… wir wollten punk und rock! und da kann man dieses zeug, dass sie fabriziert haben hundert mal im kreis drehen… sie haben ihre musik verkauft

  2. Christopher sagt:

    „ICH WILL DAS DING EINFACH GUT FINDEN.“ – Dabei ist es dann allerdings auch bei mir geblieben. Es hat sich (leider) nicht viel getan in der Wahrnehmung der Songs. Das Konzert war aber trotzdem geil 😀

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