Review: Billy Talent – Dead silence

Graf Zahl hat ausgedient. Dead silence heißt das neue Werk von Billy Talent. Nach I, II und III wenden sich Billy Talent von der stumpfen Durchnummerierung ihrer Longplayer ab. Das ganze soll einen Neustart darstellen. Eine Weiterentwicklung. Trotzdem war immer wieder zu hören, dass Billy Talent bei Dead Silence einen Schritt zurück zu den Anfängen gehen will um dann einen Riesenschritt nach vorne zu gehen. Quasi der Versuch, die Wucht von I und II für einen kraftvollen Sprung nach vorne zu nutzen.

Auch ich möchte diese Wucht noch mal kurz aufnehmen. Billy Talent I war für mich nicht weniger als eines der besten Alben, die ich je hören durfte. Druckvoll, psychotisch und herrlich falsch kam der Vierer aus Toronto auf dem Erstlingswerk rüber. Hymnen wie This is how it goes und Try honesty sind immer noch allgegenwärtig. Auf dem Nachfolger II war alles etwas stimmiger, ein Stückchen mehr Mainstream, aber kaum ruhiger. Billy Talent spielte sich mit II endgültig in die Ohren vieler Fans und somit auf die großen Bühnen dieser Welt. Mit III fand die unvermeidbare „Weiterentwicklung um jeden Preis“ statt. Blues durchtränkte viele Stücke, der Druck verflüchtigte sich und Sänger Ben fing an zu singen anstatt zu schreien. Bis auf wenige Ausnahmen war ich stark enttäuscht vom letzten Billy Talent-Werk.

Also was ist Dead Silence nun? Ein Schritt zurück? Zwei vorwärts? Stillstand? Oder herrscht am Ende gar die namensgebende Totenstille?

Nach kurzem nicht erwähnenswertem Intro lassen es Billy Talent jedenfalls schon mal ne gute Viertelstunde richtig krachen und so meine Skepsis schnell verfliegen. Viking death march und Surprise,Surprise kannte man bereits im Vorfeld. Da geht er wieder ab, der Punk(Rock). Das sind wieder Billy Talent wie ich sie mir wünsche. Aggressiv schreien Benjamin Kowalewicz und Ian „Le Frisur“ D´Sa die Refrains heraus. Die Gitarren und Drums knarzen und donnern böse aus den Boxen. Gut, das sind keine persönlichen Meisterwerke wie die anfangs besagten Stücke der I, aber hey, das macht richtig Laune und ist einfach komplett auf den Punkt gebrachter Bombast-Punkrock.

Bis ich das folgende Runnin´ across the tracks gut finde dauert es vier bis fünf Durchgänge. Der Refrain erscheint mir anfangs irgendwie unaufgeräumt und sperrig. Aber es ist laut, schnell und mittlerweile auch gut. Diesen Prozess des mehrmaligen Hörens durchschreiten viele der Songs bis ich schlussendlich zufrieden mit ihnen bin. Love was still around, Crooked minds, Hanging by a thread und Dead silence kicken beim ersten Hören nicht so recht. Dass das alles gut ist, ist sofort klar, aber es braucht ein wenig Zeit um den neuen Sound von Billy Talent zu akzeptieren. Billy Talent sind schon sehr Mainstream geworden in diesen Liedern. Man muss sich langsam davon lösen, dass nicht mehr so bedingungslos ausgerastet wird wie bei Line & Sinker, Red Flag oder Voices of violence. Alles ist etwas ruhiger, geerdeter, handwerklich viel versierter und dadurch halt ein Stück langweiliger. So empfinde ich das zumindest. Am Ende ist man aber einfach nur dankbar, dass jeder dieser Songs auf der „III“ ein Highlight gewesen wäre.

Songs, die einen sofort in die gute alte Billy Talent-Zeit zurückholen gibt es aber auch. So ist grade Man Alive! mein absoluter Liebling. Hier nervt nix! Hier gibt es einfach voll auf die Fresse. Punkt,aus, Ende! Und bei den ersten Akkorden von Don´t count on the wicked mache ich mit vor Freude einfach die Buxxe voll. Ganz große klasse!

Klingt doch bisher alles nach einem Schritt zurück und zwei nach vorne, nicht wahr?

Es gibt aber auch Schatten auf Dead Silence. Und zwar immer dann wenn Billy Talent ganz leise werden oder sich in den Tiefen des Mainstream-Pops verfransen. Stand up and run und Swallowed by the ocean bilden das Balladen-Duo. Mich persönlich können beide Songs überhaupt nicht erreichen. Billy Talent und leise, da kann ich nicht so recht mit um.

Show me the way ist dann schließlich der Nerv-Song, der mir total auf die Nüsse geht und mittlerweile konsequent weggedrückt wird. Mit Poppy Talent will ich mich nicht beschäftigen. Keine Ecken? Keine Kanten? Kein Gehör!

Halten wir fest. Billy Talent sind nicht mehr so druckvoll wie früher. Das ist schade! Sie sind aber wesentlich facettenreicher. Das ist gut! Totenstille herrscht selten. Stillstand gibt es gar nicht, denn Dead silence ist soviel besser als „III“. Es ist tatsächlich ein großer Schritt zurück um genug Anlauf für einen riesigen Sprung nach vorne zu haben.

Platz da! Billy Talent sind wieder da!

Highlights:
Man Alive!
Surprise,surprise
Wesentlich besser als III

Lowlights:
Show me the way
Swalowed by the ocean
Stand up and run

Fazit:
Zurück in der Spur! Billy Talent machen wieder spaß!

Manuel sagt:
(8 von 10 Punkten)
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Service (Youtube-Videos):
Don´t count on the wicked
Man Alive!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Manuel

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1 Response

  1. christian sagt:

    Schön geschrieben Manuel.
    Ich mag die Platte sehr. Natürlich hat sie auch ihre Schwachstellen, aber das ein Song nicht bei 3maligen Hören zündet, ist manchmal auch ein Zeichen für Qualität, sofern man nur ein Fünkchen gutheißen kann. Ich liebe diese späten Lieblingstracks. Das sind dann echt nur du und die Band, empfinde ich. Alles in Allem haben die doch mit dem VIERTEN!! Album echt gute Arbeit geleistet. Sie halten ihr niveau über Jahre und haben allein schon wegen Bens Stimme ihre einzigartige Musik immer reifer werden lassen. Sie klingen immernoch anders und das zählt für mich.

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