Das musste lauter: Rammstein – Herzeleid

„Ihr wollt doch auch den Dolch ins Laken stecken!“ So, wir haben 1995 und ich bin 14 Jahre alt! Schätze ihr habt mich erwischt! Ich bin grade höchst empfänglich für eure zweideutigen Texte, liebe mir bisher unbekannte Berliner Musikanten. Meine liebe zum Punk-Rock ist noch nicht so gefestigt, dass ich keine anderen Musikrichtungen ausprobieren würde. Hey, also ich hätte mal Zeit für ein wenig Schweinereien. Dann zeigt mal was ihr zu bieten habt, Rammstein! Oh wow, abfallende Körperteile, brennende Menschen, Sex und Gewalt … klingt böse. Ich mag böse! Ich bin 14! Ich bin Revoluzzer … auch wenn ich eigentlich noch gar nicht weiß was das bedeutet.

So in etwa muss es sich zugetragen haben, dass ich an Rammsteins „Herzeleid“ gelangte und vor allem sofort gefallen fand. Deutsche Bands, vor allem die mit deutschen Texten, hatten zu der Zeit nun wahrlich keinen guten Stand bei mir. Aber Rammstein faszinierte mich sofort. Diese Texte. Dieses Gefühl beim Hören „etwas falsches und böses“ zu tun. Rammstein war ultraböse. Ich wollte ultraböse sein. Wir verstanden einander ziemlich schnell.

Jeder der elf Songs hatte irgendwie etwas. Rammstein waren halt eine völlig neue Sache zu dieser Zeit. Keine mir bekannte Band thematisierte Tabus wie Nekrophilie, Vergewaltigung oder Mordfantasien so schonungslos wie Rammstein. Diese Art von Provokation, hineingezwängt in ein in ein Korsett aus tanzbaren Industrial-Metal, hatte mich schnell in ihren Bann gezogen.

Ich liebte den „Seemann“ , „Heirate mich“, „Weißes Fleisch“ oder auch „Asche zu Asche“. Kurze Zeit hörte ich fast ausschließlich Rammstein. Teilweise sogar die merkwürdigen Bands, die auf der Erfolgswelle mit angeschwemmt wurden wie Megaherz oder Ooomph! Meine armen Eltern mussten in dieser Zeit wirklich einiges erdulden. Man dachte ja immer, die hören nicht was in meinem Zimmer passiert … am Arsch! Die wussten ganz genau, dass ich über Leichenschändung sang … mit 14. Peinlich! Eine verrückte Zeit, ohne Zweifel!

Ich sammelte Poster von Rammstein, malte selber Banner für mein Jugendzimmer und trug zum Entsetzen von Lehrern wie auch Mitschülern Rammstein-T-Shirts in der Schule. Ich konnte ja mit 14 nicht ahnen, dass sich neben meinem Körper auch die Liebe zu Rammstein noch erheblich verändern sollte in den nächsten Jahren.

Auch der Nachfolger „Sehnsucht“ lief noch lange Zeit auf Rotation bei mir. Doch irgendwann verblasste die Liebe zu Rammstein so schnell wie sie entstanden war. Ich wurde älter und nahm Rammstein Provokation anders wahr. Es war überhaupt nicht mehr faszinierend, eher befremdlich, teilweise fand ich sie sogar recht peinlich. Rammstein waren immer noch böse und provokativ, ich selber wollte aber nicht mehr böse und provokativ sein. Wir verstanden einander nicht mehr so recht.

Das „Herzeleid“-Album kann ich aber nach wie vor noch gut hören, wenn es denn mal irgendwo läuft. „Sehnsucht“ geht mit erheblichen Abstrichen auch noch. Mit den restlichen Sachen von Rammstein habe ich mich schon immer schwer getan. Mittlerweile verfolge ich nicht einmal mehr was sie so treiben.

Ich denke aber immer gerne an die „ultrabösen“ Zeiten zurück. Rammstein haben „deutsche Musikgeschichte“ geschrieben. Ich war fast vom Start mit dabei und habe sie einen kleinen Weg lang begleitet. Wir vollführten eine einvernehmliche Trennung ohne Streit … das können ja immerhin nur die wenigsten gescheiterten Beziehungen behaupten.

Manuel

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