Chuck Ragan – Till Midnight

Chuck Ragan ist wieder da. Nach dem großartigen Album „Exister“ mit seiner Haus-und-Hof Band HOT WATER MUSIC aus dem Jahre 2012 hat der Mann mit der kratzenden Reibeisenstimme nun seinen vierten Solo-Longplayer am Start. Till Midnight heißt das gute Stück. Ich will auch gar nicht lange drum herum reden: Nach anfänglicher Skepsis wird dieses Album für alle Freunde des Folk und Americana der Pflichtkauf des Frühlings. Vor allem, weil dieses Album passend zum Frühling Liebe transportiert. Ja genau. Der gute Chuck hat ein paar wirklich feine Lovesongs auf diese Platte gehauen. Insgesamt klingt Chuck Ragan anno 2014 eher locker flockig und beschwingt und ein gutes Stück weniger melancholisch, rastlos und unruhig als bei früheren Veröffentlichungen. Anfangs hörte sich das für mich etwas irritierend an und sorgte sogar für die ein oder andere hochgezogene Augenbraue. Nach einigen Hördurchgängen hat sich aber ein Haufen wunderbarer Songs vor mir ausgebreitet.

Richtig, richtig gut ist dieses Album, wenn die instrumentale Begleitung ein wenig Druck aufbaut und die Songs Tempo haben. Dann harmonieren Gitarre und Streicher, Bass und Reibeisenstimme ziemlich perfekt miteinander und machen Songs wie Non-Typical und Vagabond zu wahren Hörgenüssen. Auch Bedroll Lullaby bereitet für Ragan einen tollen Klangteppich. Bei diesen Songs kann man sich wunderbar zurücklehnen und einfach genießen. Ich sehe mich schon an einem heißen Sommertag mit ’nem Bierchen in der Hand im Garten sitzen, den Sonnenuntergang bestaunen und ganz entspannt der tollen Musik lauschen. Die perfekte Untermalung zum Träumen. Fast noch besser passt das mitreißende Gave My Heart Out in diese Stimmung.

Die Kehrseite der Medaille sind für mich allerdings die zurückgenommenen Songs. Wünschenswert wäre dabei ja ein Gänsehautfeeling. Stellt sich aber leider nur bedingt ein und lässt daher For All We Care und Wake With You zu den mit Abstand schwächeren Songs werden. Das ist mir einfach zu viel des Guten. Zu viel Pathos, zu viel Streicher, zu langgezogen, zu dick aufgetragen, zu viel „Gejaule“, zu viele Wiederholungen. Nee, nicht meins. Bei schnelleren Songs finde ich das nicht sonderlich tragisch. Gerade bei den beiden nervt es mich aber doch. You And I Alone und Something May Catch Fire machen dann aber den Einstieg in die zweite Hälfte des Albums wieder hörenswert. Ersterer besticht durch einen schweißtreibenden Rhythmus und beim zweiten geht der Refrain direkt ins Ohr. Well played, sir. Whistleblowers Song beginnt sehr intensiv, ja fast schon bedrohlich und entwickelt sich dann mit tollem Rhythmus und wieder einmal getragen von dieser aufwühlenden, kratzigen Whiskey-Stimme zu einem echten Highlight. Mit Revved wird das Album dann solide und rund beendet.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Chuck Ragan das Ding hier mitnichten „Solo“ aufgenommen hat. Für dieses Album hat er mit seiner Camarederie, bestehend aus Gitarrist Todd Beene  (Lucero), Drummer David Hidalgo Jr. (Social Distortion), seinen langjährigen Begleiter Jon Gaunt (Geige) und Joe Ginsberg (Kontrabass), den Gastsänger Dave Hause, Jon Snodgrass und Chad Price (Drag the River), Ben Nichols (Lucero) und Jenny O. sowie Keyboarder Rami Jaffee (The Wallflowers) eine wahre Allstar-Truppe um sich versammelt.

Highlights:
Whistleblowers Song
Vagabond
You And I Alone
Gave My Heart Out
Non Typical

Lowlights:
Wake With You
For All We Care

Fazit:
DIE STIMME trifft auf den modernen Americana-Folk-Rock eines Singer-Songwriter mit dem Geist von HOT WATER MUSIC. Willkommen im Frühling!

Christopher sagt: 8p (8 / 10 Punkte)

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Christopher

Christopher mag Punkrock. Der darf auch gerne irische Wurzeln oder Trompeten haben. Auch Reibeisenstimmen sind super. Hin und wieder gehen sogar Elektro- und Alternative-Spielereien. Hauptsache irgendwo versteckt sich noch eine Melodie und es wird nicht bloß rumgebrüllt.

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