Review: Broilers – Santa Muerte

Die Broilers sind zurück und schenken uns als Mitbringsel gleich einen ganzen Ort. „Santa Muerte“ soll laut Band ein fiktiver Ort sein. Ein Ort an dem man eine gute Zeit haben kann, oder der Realität entfliehen kann. Der für jeden etwas anderes bedeuten soll. Vier Jahre lang ließen sich die Broilers Zeit einen Nachfolger für das großartige „Vanitas“-Album zu präsentieren. Vier Jahre Zeit „Santa Muerte“ zu erschaffen. Vier Jahre Zeit eine schier unmögliche Aufgabe zu bewältigen. Ein ähnlich gutes Album wie „Vanitas“ abzuliefern und sich trotzdem weiterzuentwickeln. „Harter Weg“ heißt die erste Auskopplung von „Santa Muerte“. Und genau das wird es werden. Als hätten sie es irgendwie geahnt, obwohl die Thematik natürlich im Song eine andere ist.  Es wird ein verdammt harter Weg nach „Santa Muerte“. Man kann nur hoffen, dass ihn die Fans und die, die es aufgrund dieses Albums noch werden sollen, bereit sind zu gehen. Denn er ist steinig, oft nicht richtig ersichtlich, und ob sich die Reise überhaupt lohnt scheint alles andere als sicher.
Denn in „Santa Muerte“ wechseln sich Licht und Schatten ständig ab. Als würde man in der Sonne liegen wollen und ständig dämliche Wolken plötzlich Kälte und Dunkelheit bringen. Man wartet noch 20 Minuten ab, ob sich die Sonne durchsetzt, um dann schließlich doch entnervt zurück ins Haus zu gehen, weil es nicht wirklich besser wird. Irgendwie trifft das „Santa Muerte“ ziemlich gut.

Strahlende Momente gibt es einige auf „Santa Muerte“. „Harter Weg“ ist ein richtiger Eröffnungsknaller, der mit viel Bläserkraft zum tanzen einlädt. Eine richtige Granate zum Beginn. Grade die Lieder mit Bläserunterstützung haben es mir angetan auf diesem Album. So ist grade „33rpm“ auch ein Tanzbeinschwinger allererster Klasse. Etwas Broilers-untypisch, aber saucool und treibend. Da machen die Broilers richtig Laune. So sind die Broilers, das Beste was Deutschland momentan zu bieten hat. Und wenn die Düsseldorfer dann noch zu „Tanzt du noch einmal mit mir?“ einladen, sollte wieder jede Konzerthalle beben. So stelle ich sie mir vor. So habe ich sie kennen und lieben gelernt.

Auch „In ein paar Jahren“ und „Weckt die Toten“ hätten auf einem „Vanitas“ eine Daseinsberechtigung gehabt. Auf einem „Santa Muerte“ haben sie es dann erst Recht. Das ist schon in Ordnung! Aber auch schon nicht mehr der qualitativ hohe Broilers-Standard den ich erwarte, sondern irgendwo leicht darunter. Man spürt langsam wie ein kalter Wind aufzieht …

Und dann kommen diese Wolken. Und ich sage euch, so große, dunkle Wolken habt ihr noch nicht gesehen. Da passt kein Sonnenstrahl mehr durch, leider. Sie schleichen sich langsam mit dem Lied „Verdammte Stille“ an, schieben sich mit dem kraftlosen „Gemeinsam“ vor die strahlende Sonne und werden mit „Vom scheitern …“ so riesig, dass man den Tag getrost vergessen kann, da man selbst im Keller mehr Licht und Wärme hat. Miese Laune inbegriffen.

Nach eigener Aussage hat Sänger Sammy rund sechzig bis siebzig Song-Ideen mit ins Studio gebracht. Wie zum Teufel konnten diese Songs, wobei sich auch „Wie weit wir gehen“ und „Singe,seufze&saufe“ später noch mit einreihen, unter die letzten vierzehn geraten? Und wie viel Ouzo muss man überhaupt intus haben um so einen Müll-Song wie „Vom scheitern …“ einzuspielen? Meine Mama würde den Song lieben, klingt er doch eher nach Pur feat. Costa Cordalis als nach Broilers. Das muss ich wohl nicht weiter erörtern. Absolut ein musikalischer Totalschaden.

Die Broilers berauben sich ihrer größten Stärke selber. Sänger Sammy ist kaum wieder zu erkennen. Keine Wucht mehr in der Stimme. Diese anklagende Verbitterung ist ihr auch abhanden gekommen. Ein Markenzeichen der Band, einfach ausgelöscht.  Allgemein ist das Album glatter gebügelt als meine Hemden. Da ist kein fitzel Street- oder gar Oi-Punk mehr erkennnbar. Faltenlos wie eine Botox-Fratze. Etwas weniger von der alten musikalischen Ausrichtung wäre eine logische und vielleicht gute Entwicklung gewesen, aber ganz drauf verzichten? Das werden einige der alten Weggefährten nicht schlucken wollen oder schlucken können. Auch für mich ist diese „musikalische Weiterentwicklung“ etwas zu heftig ausgefallen.

So bleibt ein Album, an dem sich die Geister scheiden werden. Teilweise richtig gut, aber hin und wieder auch kaum zu ertragen. Abwechslungsreich klar, aber zu welchem Preis? Die Broilers gehen ihren Weg der Veränderung, den sie auch auf „Vanitas“ schon gingen, ohne Rücksicht auf Verluste weiter und weiter. Den Wind des Erfolges im Rücken geht es auf nach „Santa Muerte“. Ich werde ihnen folgen! Denn Broilers sind eine extrem sympathische und coole Band, die man irgendwie mögen muss. Denen verzeihe ich so einiges. Aber ich folge längst nicht mehr so blind und vertrauensvoll wie bei „Vanitas“. Und sesshaft werde ich in „Santa Muerte“ ganz sicher nicht.

Highlights:
– Die Bläser bringen viel Power in die Songs
– Harter Weg, 33rpm und Tanz du noch einmal mit mir? sind super

Lowlights:
– „Vom scheitern …“ . Der Name ist Programm.
– Sammy´s Stimme. Immer noch gut, aber etwas fehlt.
– oft zu glatt gebügelt und zu poppig

Fazit:
Auf nach Santa Muerte! … aber nur zum Kurzurlaub.

Manuel sagt:
(7 von 10 Punkten)
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Manuel

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3 Responses

  1. 9. September 2011

    […] darunter die Knalleralben von Royal Republic und Red City Radio sowie die aktuellen Scheiben der Broilers, Jennifer Rostock, Flogging Molly, Dropkick Murphys, Skindred, Zebrahead, Itchy Poopzkid und The […]

  2. 27. Oktober 2011

    […] ein guter Freund dich nach Hause einlädt, dann folgst du seiner Einladung, auch wenn man sich beim letzten Kontakt ein wenig in die Haare bekommen hat und einige Zeit Funkstille herrschte. Das gehört sich so. […]

  3. 6. November 2011

    […] Platz 7 : Broilers – Santa Muerte […]

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