Anti-Flag im Bremer Tower – Konzertbericht

Mittwochabend! Bremen! Tower! Anti-Flag flankiert von Red City Radio und Hostage Calm und dem überall umtriebigen Alles-und-Jeden-Supporter namens „Bier aus 0.3l Plastikbechern“. Außerdem mein Name auf der Gästeliste plus bereitliegendem Fotopass. Es gibt wahrlich viele Dinge die mittwochs abends weniger Spaß versprechen. Dinge die hingegen mehr Spaß versprechen fallen mir eigentlich grade überhaupt nicht ein. Und, meine werten Leser und Fans der gepflegten, arschtretenden Punk-Rock-Musik, ich muss auch gar nicht weiter überlegen. Meine Erkenntnis des Abends ist nämlich: Mehr Spaß geht definitiv nicht!

Ich stehe also als Teil von dasmusslauter.de das erste Mal auf einer Gästeliste. Ein Brei aus Vorfreude und Skepsis, denn bewaffnet bin ich nur mit meinem Personalausweis und einer ausgedruckten E-Mail welche aussagt, dass ein gewisser Manuel ruhig so rein darf. Beim „Ich glaube ich stehe auf der Gästeliste“, setze ich sogleich mein charmantestes Lächeln auf, um die Karten-Kneiferin milde zu stimmen. „Manuel? Jap! Ja habe dich schon auf der Liste gesehen. Kein Problem. Der Fotopass ist aber oben im Backstage-Bereich irgendwo. Musste mal nachfragen!“ Das war ja einfach. Also alle Mann Richtung Backstage-Chill-out-Merchandise-Bereich.

Und wer hockt da ganz lässig Bier trinkend in der Ecke? Red City Radio! RED CITY RADIO! Holy Fuck! Endlich mal normale Menschen. Garrett Dale gröhlt zur Hintergrundmusik vor sich hin und bewegt ab und an seinen in ein Cobra Skulls-T-Shirt gehüllten Astralkörper zum Merchandise-Shop, um seine bandeigenen T-Shirts und Vinyl-Platten an den Mann zu bekommen. Auch mich spricht er mit einem kurzen „Hi. How are you?“ an. Aber bevor ich diesem äußerst netten Kerl sagen muss, dass ich seine T-Shirts leider hässlich finde, drehe ich mich lieber weg und bereue es später natürlich, nicht ein wenig Small-talk mit diesem großartigen Musiker gehalten zu haben. Fühlt sich für mich als Fan der Band total unwirklich an das Ganze. Irgendwie bin ich völlig überfordert. Meine Mitstreiter wissen alle gar nicht so recht wer der Typ grade war und warum ich so nervös bin. Sie werden es noch erfahren … in gut einer Stunde.

Erst einmal aber organisieren wir den Fotopass, der sich am Körper unseres Fotografen Karlis ganz wunderbar macht und dann geht es auch schon auf zur Bühne. Das Publikum ist bunt gemischt. Junge Punks, alte Punks, aber auch allerlei normales betagtes Fußvolk wie ich. Auch die Location ist klein aber fein. Vor allem aber klein. Ich bin aber auch zum ersten Mal nüchtern hier, könnte also daran liegen … sowieso mal Zeit das nüchtern sein abzustellen. Ich investiere mein Kleingeld, welches ich noch nicht an männliche Anti-Flag-Groupies vor dem Tower gespendet habe, in Bier. Eine weise Entscheidung wie sich später herausstellte. 2-3 Bier später legte dann auch schon die erste Vorband los.

Hostage Calm aus Connecticut spielen laut eigener Aussage folgende Musikrichtung: Punk/Punk/Punk/Punk/Punk … na dann mal los meine Herren. Nach 2 Songs Warmspielphase können mich die Jungs auch tatsächlich zum fußwippen und Kurzhaar-Frisur-Schütteln animieren. Wenn man mal bedenkt, dass der Sound hier im Allgemeinen nur bedingt gut ist, macht das schon was her was die Jungs da fabrizieren. Leider kannte ich von Hostage Calm keinen einzigen Song vorher und so kann ich nur sagen, dass sie straighten Polit-Punk-Rock mit Hardcore-Einflüssen aber auch ruhigeren Passagen versehen. Von allem etwas halt. Klang nach mehr. Die Band wurde jedenfalls immer besser je mehr sich das T-Shirt des Sängers von grau zu schwarz färbte. Oh ja, es wurde warm im Laden. Werde mir die Jungs auf jeden Fall mal in CD-Form zu Gemüte führen. Die Chance haben sie verdient. So sahen es auch die Zuschauer, die den Auftritt mit wohlwollendem Applaus kommentierten, vorausgesetzt sie hatten kein Bier in der Hand. Zum Bier wegstellen um zu klatschen war das dann doch noch nicht gut genug …

Jetzt wurde es aber erst richtig spannend! Red City Radio machten sich bereit die Bühne und die Herzen der restlichen Zuschauer zu erstürmen. In meinem Herzen wohnen sie ja schon seit geraumer Zeit, haben tapeziert und es sich gemütlich gemacht um dort noch viele Jahre zu verweilen. Garrett Dale war schon vorher eifrig dabei Hostage Calm von der Bühnenseite aus zu unterstützen, demnach hatte er seine Grummelstimme schon aufgewährt um mit dem Intro An introduction of Sorts gleich mal klarzustellen, dass hier seine Stimme die nächsten 30 Minuten beherrschen wird. Wäre ich ne Frau würde ich den Kerl auf der Bühne nehmen wollen… aber ich schweife ab.  Relativ verhalten ging es während des Intros noch zu. Aber beim zweiten Song The benefits of motion ereignete sich dann eine Punk-Rock-göttliche Fügung. Ein defektes Audio-Kabel sorgte  für eine lautlose Gitarre bei Garrett. Ein wenig angepisst griff er sein Mikro und überbrückte die Zeit ohne Gitarre um vorne selber in der Moshpit mitzumischen.  Mit singen war da nicht mehr viel, aber dafür gibt es ja noch den zweiten Sänger Paul Pendley, der das souverän übernahm.

Einen kurzen Moment dachte ich Garrett hätte sich zu Elvis, Michael Jackson und Whitney Houston gesellt, aber nach guten 2 Minuten kam er doch zurück auf die Bühne gekrochen, um das Audio-Kabels zurechtzuflicken. Jedenfalls hatte dieser selbstlose Einsatz von Garrett zur Folge, dass das Publikum auf einmal wach und voll dabei war. Ab jetzt war das hier Sparta! Und Sparta hatte Circle-Pit-Hochkonjunktur. Es ging vor der Bühne nun zu wie bei der Neueröffnung von Super-Elses-1-Euro-Grabbel-Laden in Berlin-Neukölln.

Die angefixte Meute nutze die Gitarrenkabel-Reperatur-Pause um ihrerseits lauthals „You gotta die, gotta die, gotta die for your gouverment“ anzustimmen. Die Band dankte es ihnen indem sie den Anti-Flag-Hit instrumental unterstützten. Hier hatte ich kurz Hoffnung, dass die Band den ganzen Song kurz anspielt. War leider nicht so. Der Hund drauf geschissen. Tat der Stimmung keinen Abbruch. Weiter gings. Spinning in circles is a gateway drug und You´re poison , I´m well bringen die ersten Fäuste gen Himmel und bei Two for flinching stimmt das gesamte Publikum schon zu „This System, it wasn´t designed for us!“ mit ein. Gänsehaut pur! Immerhin haben Christopher und ich die Band schon lange aufm Zettel. Da kann man ja mal ein wenig stolz sein. Mit der ersten Single der Band We are the sons & daughters of Woodie Guthrie geht richtig der Punk ab. Das Publikum nimmt so viel Action vor dem Hauptact gerne an und randaliert was die Kniescheibe hergibt. Red City Radio schliessen dann mit Nathaniel Martinez ab und heimsen sogar einige „Zugabe“ und „One more song“-Rufe ein. Leider können sie der Forderung nicht nachkommen, denn Anti-Flag warten schon darauf dem Laden den Erdboden gleich zu machen.

Zeit für ein kurzes Bier und um aktuelle Informationen zum Champions-League-Halbfinale einzuholen. 2:1 für Madrid. Wird ein langer Abend. Für mich sowie auch für die Bayern. Wir haben einiges gemeinsam. Wir schwitzen, wir sind nervös und wir sind voller Vorfreude, weil das Ziel zum Greifen nahe ist. Champions-League-Finale da, Anti-Flag hier.

Auf einmal ist totenstille im Club und vom Band kommt der Florence-Reese-Klassiker „Which side are you on?“, den die Dropkick Murphys auch Punk-Rock-Kompatibel gemacht haben. Dann betreten Anti-Flag die Bühne stellen sich kurz mit einem „We are Anti-Flag form Pennnnsylvaniiiiaaa USA!“ und lassen mit The project for a new American century die vorderen Reihen komplett durchdrehen und die hinteren Reihen vergnügt quieken. Justin Sane und seine Jungs haben mächtig Bock und das merkt man ihnen an. Die Circle Pit nimmt ihre Arbeit penibelst genau wie ein Schweizer Chronograph wieder auf und hält auch eigentlich bis Konzertende durch. Dazu gesellen sich nun die ersten Stagediver. Circle-Pit plus Stagediving enden in einigen unschönen Sturzflügen und Helikopter-Stagediving mit anschließendem Undertaker-Tombstone-like-Abstüzen. Ein Wunder, dass da nie mehr passiert. Wie man unschwer erkennen kann pumpt der Tower auf maximaler Herzfrequenz und Anti-Flag kennen keine Gnade. Broken bones und Fuck police authority verzücken sowohl neue als auch alte Fans der Band gleichermaßen. Mehr geht hier grade nicht. Es geht nicht lauter, es geht nicht wärmer, es geht nicht schneller, es geht aber wohl noch Einiges. If you wanna steel und The economy is suffering … let it die! lässt die ganze Suppe bei mittlerer Temperatur kurz 5 Minuten köcheln und Chris #2, Bassist und Sänger der Band, nutzt die Chance sich selber mal im Stagediving zu versuchen. Ein schönes Bild. Es kehrt kurz so etwas wie Ruhe ein. Auch mal schön so zwischendurch.

Das Problem ist .. niemand hat den Deckel vom Topf genommen. Und so läuft der ganze Schuppen bei Hymn for the dead dann quasi über. Eine Riesenparty. Eine Riesensauerei. Alle, aber auch wirklich alle, gröhlen sich die Seele aus dem Leib. Die Band bedankt sich und spielt als gehe es um ihr leben. Underground network befriedigt auch wieder die Punks in der ersten Reihe und The new sound krempelt den Laden schon wieder komplett um. Hier kann sich selbst Christopher neben mir nicht mehr halten und stürmt Richtung Circle Pit. Später berichtet er mir, dass es bei den Broilers vorne drin schlimmer war, aber er wenigstens von Garrett Dale weggemosht wurde. Red City Radio sind also immer noch am arbeiten. Symphatisch!

Von Sperrstunde kann hier sowieso keine Rede sein. Das Konzert ist in sich so stimmig, dass ich selbst meinen Drang nach mehr Bier hinten anstelle um zu One Trillion Dollar und The neoliberal Anthem abzuhotten. Selbst unsere weiblichen Begleiter moshen sich hinter mir einen zurecht. Es ist definitiv einiges los. Im Laden ist es mittlerweile wärmer als beim Weihnachtskuscheln mit der Frau unter der Bieberbettwäsche. Mit Turncoat gibt’s trotzdem noch mal ne Wärmflasche dazu. Puh!

Bei The Press Corpse führen Anti-Flag mal eben den High-Five-Circle-Pit ein. Hier ist das Ziel nicht die Zerstörung des Gegenübers, sondern das High-Five-Abklatschen des Gegenübers. Ein interessanter Beitrag zum Weltfrieden. Fand ich lustig. Habe ich gerne mitgemacht, wenn mal wieder einer aus der Mosh-Pit auf meiner wohltemperierten, mittlerweile glitschigen Brust landete. Apropos glitschig. Die 24/7-Mosh-Pitter entluden sich nun ihrer total überflüssigen T-Shirts und verwandelten den Tower in einen Badespaßort für die ganze Familie.

Mit einem der wohl bekanntesten deutschen Sprichwörter überhaupt, nämlich Stefan Dremmlers „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“ leitete Chris #2 dann gekonnt die Abschieds-Song-Viertelstunde ein. Natürlich treffenderweise mit This ist the end (for you my friend) was die Circle-Pitter wieder gerne als Kampfansage an ihre Opfer aufnahmen.

Nach der üblichen Zugabe-Hascherei musste natürlich noch das geforderte You gotta die for your gouverment kommen. Und es kam. Und wie es kam. Die einzigen Fäuste, die nicht gen Himmel ragten waren wohl die des Schlagzeugers Pat Thetic und die der Biertante am Tresen.

Schlagzeuger Pat Thetic sorgte übrigens auch für den krönenden Abschluß indem er sein Drumset kurzerhand in der Mosh-Pit aufstellte und die störenden Zuschauer auf die Bühne stellte. So war auch der letzte Song, den ich leider nicht kannte noch mal ein gelungenes Schmankerl, welches sogar die Mosh-Pit dazu bewog am Ende doch mal die Füße still zu halten und den armen Pat Thetic am Leben zu lassen.

Dann war Ende im zerpferchten Gelände und ich dachte an Chris #2´s Worte: „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“. Und Wurst war dieser Abend ganz sicher nicht. Also war auch dieser unglaublich geile Abend mal zu Ende.

Danke Hostage Calm fürs Aufwärmen, danke Red City Radio dafür, dass ich euch nun noch mehr liebe, danke Anti-Flag für die erwartet geile Show und danke Karlis für die hübschen Fotos:

Manuel

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1 Response

  1. 6. März 2015

    […] sich vom Bremer Publikum etwas mehr Ekstase gewünscht (und da hab ich im Tower auch definitiv schon mehr erlebt ) aber dennoch war das ein klasse Auftritt und um mich herum sah zum Schluss jeder glücklich aus. […]

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