Review: Radio Havanna – Alerta!
Hin und wieder höre ich mir deutschen Punk ja ganz gerne an. Terrorgruppe, Rantanplan, Stomper 98, Sondaschule, The Bottrops, WIZO und auch die alten Sachen der Ärzte und der Toten Hosen schaffen es durchaus immer mal wieder in meine Playlists. Andere deutsche Bands wie ZSK oder Montreal habe ich bisher aber mehr oder weniger ignoriert. Nicht aus Bosheit. Kam einfach so. Und in diese Gruppe, zwar bekannter, aber nie wirklich registrierter Bands gehörten bis jetzt auch Radio Havanna.
Mit dem nun erschienenden vierten Studioalbum Alerta stürmen die Jungs nun also dasmusslauter. Der Beginn ist vielversprechend. Beim Opener Flüstern, Rufern, Schreien unterstützt Justin Sane von Anti-Flag. Ob der Song aber wirklich “zusammen” aufgenommen wurde, wage ich jedoch zu bezweifeln. Die beiden Songparts laufen doch irgendwie zu eigenständig nacheinander ab, statt dass es ein echtes Zusammenspiel wäre. Dennoch ist das ein wirklich guter Song geworden. Mit kraftvollem Refrain, drückenden Instrumenten und viel Inbrunst. Willkommen bei Radio Havanna. Ein erstes “hätte ich mal schon früher reinhören sollen”-Gefühl macht sich bei mir breit.
Rettungsboot muss dann ohne internationale Unterstützung auskommen. Funktioniert aber gut, erinnert mich allerdings sofort ein bißchen an Planlos, die inzwischen ja leider das zeitliche gesegnet haben. So ein Vergleich dürfte aber allgemein als Kompliment aufgefasst werden und so ist es auch gemeint. Es geht munter weiter, Die Zeit rennt ist zwar keine Offenbarung, aber durchaus noch gut hörbar. Langgezogene Vocals muss man aber mögen. Also Grundsätzlich. Nicht nur in diesem Song. Gewaltregime zieht das Tempo wieder an und gefällt mir auch gleich wieder besser. Lyrics, hinter denen sozialpolitische und gesellschaftskritische Themen behandelt werden, scheinen ja irgendwie Markenzeichen der Band zu sein und finden sich dementsprechend zu hauf auf diesem Album. Und zumeist so präsentiert, dass es kaum peinlich oder mit erhobenem Zeigefinger daherkommt. Durchaus ganz gut gemacht. Instrumentalisch ist das alles auch sehr ausgereift, mehr oder weniger druckvoll und energiegeladen. Das Gesamtpaket stimmt also.
Wir stehen im Regen drosselt das Tempo etwas und ist sehr viel eingängiger als die vorherigen Songs. Bißchen “Whoahooo” mit verwurschtelt und schon haben sie sich ihren Hit gebastelt. Da bin ich mir ziemlich sicher. Der Chorus dürfte bei Konzerten vom Publikum inbrünstig mitgegröhlt werden. Monster zieht die Zügel dann wieder etwas an, der Pop-Flirt ist beendet. Druck und Tempo stimmen und die Instrumentals gefallen mir hier wirklich sehr, der etwas entfesseltere Gesang ebenfalls. Hut ab. Den Song merke ich mir. Mit Goldfischglas folgt dann eine Akustikballade. Der Text hat ja durchaus so seine Wahrheiten, aber eigentlich hätte man sich den Song auch sparen können. Also wieder mal eine Ballade, mit der ich mich nicht anfreunden kann. Und wo ich jetzt gerade so ein wenig genug von Radio Havanna bekomme, kommt mit Superlativ von Scheiße wieder ein recht guter Song um die Ecke. Insgesamt ist mir aber auch dieser Song etwas zu sehr mit der Handbremse aufgenommen. Ist mir erst gar nicht so aufgefallen, aber so klammheimlich wurde doch immer mal wieder das Tempo gedrosselt. Der Opener und z.B. Gewaltregime sind bei mir aber so präsent geblieben, dass das gar nicht so offensichtlich passiert ist. Irgendwie haben sie mich eingelullt. Naja. Die letzte Nacht hebt das Tempo zum Abschluss noch mal so schön an, dass man dann doch merkt, dass die vorherigen Lieder zwar inhaltlich ordentlich auf den Putz hauen, aber ihnen ansonsten eigentlich doch ein wenig mehr Druck, Wut und Geschwindigkeit gut getan hätten. Das und die bereits erwähnten laaaaaaanggezogenen Vocals verhindern eine höhere Wertung.
Highlights:
- Flüstern, Rufen, Schreien
- Gewaltregime
- Monster
Lowlights:
- Wenig echte Highlights
- Bißchen unspektakulär
Service (Video):
Flüstern, Rufen, Schreien, Rettungsboot, Die Zeit rennt
Fazit:
Durchaus ein Ausrufezeichen im Deutschpunkbereich. Für eine höhere Wertung reicht aber mangels fehlender echter Granaten nicht.
Christopher sagt:
(7 von 10 Punkten)
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